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Tschaikovski und "das mächtige Häuflein"

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Tschaikovski und "das mächtige Häuflein"

Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) stand in regem Briefkontakt mit Frau Nadeschda von Meck, einer reichen Witwe, die ihn finanziell unterstützte. So blieb es nicht aus, dass er seiner Gönnerin auch seine Ansichten über andere Komponisten mitteilte.

Besonders von sich reden machte eine Gruppe, die sich ironisch "das mächtige Häuflein" nannte und die russische Musik von ihren volkstümlichen Wurzeln her grundlegend erneuern wollte. Solche Strömungen gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in anderen Ländern. In Tschechien griffen Smetana, Dvorak und Janacek Anregungen aus der heimischen Volksmusik auf, in Norwegen nahm Edvard Grieg Impulse seiner nationalen Tonsprache auf, und in den folgenden Jahrzehnten ergaben sich solche Entwicklungen auch in vielen anderen Ländern Ost- und Südeuropas.

Auch Tschaikovski selbst folgte diesem Trend und nutzte unüberhörbar die Volksmusik als Quelle seiner Inspiration.

Tschaikovski: Symphonie Nr. 2, Finale nach einem ukrainischen Volkslied

Doch sein Ideal von musikalischer Schönheit verlangte auch nach Kompositionstechnik, die im Russland des 19. Jahrhunderts überwiegend deutschen und französischen Vorbildern folgte. Dies lehnten die Mitglieder des "mächtigen Häufleins" jedoch ab. So ist es nicht verwunderlich, dass Tschaikovski eher negativ über seine Kollegen urteilt. Trotzdem soll ihm hier erlaubt werden, sie vorzustellen.
 

Tschaikovski an Frau von Meck, San Remo, 24. Dezember 1977

[...]Alle jungen Petersburger Komponisten sind sehr talentvoll, aber von der schrecklichsten Selbstüberhebung, sowie von der echt dilettantischen Überzeugung angesteckt, dass sie hoch über allen Musikern der Welt stehen. Eine Ausnahme ist (in der letzten Zeit) Rimski-Korssakow.  [...] Dieser Mann ist von Natur sehr ernst, ehrlich und gewissenhaft. Als sehr junger Mann war er in eine Gesellschaft geraten, welche ihm erstens versichert hatte, dass er ein Genie sei, und zweitens ihn überzeugt hatte, dass er nicht zu studieren brauche, dass die Schule jede Inspiration töte und die schöpferische Kraft ausdörre. Zuerst hatte er das auch geglaubt.  [...] Korssakow ist der einzige von ihnen, der vor etwa fünf Jahren zur Einsicht gelangte, dass die in dem Kreis gepredigten Ideen ganz und gar unbegründet seien, dass die Verachtung der Schule und der klassischen Musik, die Verneinung der Autoritäten und Meisterwerke nichts anderes sei als Unwissenheit. [...] Er fragte mich damals, was er tun solle? Selbstverständlich musste er lernen. Und er begann mit solchem Eifer zu lernen, dass die Schultechnik für ihn sehr bald etwas Unentbehrliches wurde.

[...] Aus der Verachtung der Schule war Korssakow plötzlich in den Kultus der musikalischen Technik gesprungen. Bald darauf erschien seine Symphonie und auch das Quartett. Beide Werke sind voll von Kunststücken und tragen - wie Sie richtig bemerkten - den Stempel der trockenen Pedanterie. Offenbar befindet er sich augenblicklich in einer Krise, und es ist schwer vorauszusagen, wie diese enden wird. Entweder wird er sich zu einem großen Meister durcharbeiten oder in kontrapunktischen Spitzfindigkeiten untergehen.

Rimski Korssakow (1844 - 1908) hat sich zum Meister durchgearbeitet. Noch mehr als die russische Volksmusik reizte ihn das Ausländische, für das er immer neue Klangfarben fand. Seine Kunst der Instrumentation war Vorbild für nachfolgende Generationen von Komponisten. Und seine Beziehung zu Tschaikowski entwickelte sich zu einer Freundschaft.

Rimski-Korssakow: Capriccio Espagnol

César Cui ist ein talentvoller Dilettant. Seine Musik ist nicht eigenartig, aber hübsch und elegant; sie ist kokett, aber - so zu sagen - angeleckt; zuerst gefällt sie, man wird ihrer aber sehr bald überdrüssig. Das kommt daher, dass Cui nicht Musiker, sondern Professor des Festungsbaus ist, welcher eine große Masse Vorlesungen in den verschiedenen Militärschulen Petersburgs zu halten hat.  [...] Doch ist ihm, wie gesagt, ein gewisses Talent nicht abzusprechen, wenigstens hat er Geschmack und Instinkt.

Cui: op. 56, 1-3 für Flöte, Viola und Harfe

Borodin - der fünfzigjährige Professor der Chemie in der medizinischen Akademie - besitzt auch Talent, sogar ein recht großes, welches aber infolge mangelnden Wissens umgekommen ist. Das blinde Schicksal hat ihn statt zur lebendigen musikalischen Tätigkeit - zum Katheder der Chemie geführt. Er hat nicht so viel Geschmack wie Cui, und seine Technik ist so schwach, dass er nicht einen Takt ohne fremde Hilfe schreiben kann.

Alexander Borodin (1833 - 1887) bezeugte selbst, dass ihm die Wissenschaft und die Arbeit mit seinen Studenten wichtiger war als das Komponieren. Trotzdem hat ihn Tschaikovski unterschätzt, denn mit der helfenden Hand Rimski-Korssakows bei der Orchestrierung sind ihm zwar nicht allzu viele, aber außergewöhnlich schöne Werke voll wunderbarer Melodien und musikalischer Entwicklungen gelungen.

Borodin: Polowetzer Tänze aus der Oper Fürst Igor.

Von Mussorgski behaupten Sie mit Recht, er sei abgetan. Dem Talent nach ist er vielleicht der Bedeutendste von allen, nur ist das einen Natur, in der es kein Verlangen nach Selbstvervollkommnung gibt, eine Natur, welche zu sehr von den absurden Theorien ihrer Umgebung - und vom Glauben an die eigene Genialität durchdrungen ist. Außerdem ist das eine ziemlich niedrige Natur, welche das Grobe, ungeschliffenen Hässliche liebt.  [...] Mussorgski kokettiert mit seiner Ungebildetheit; er scheint stolz zu sein auf seine Unwissenheit und schreibt, wie es gerade kommt, indem er blind an die Unfehlbarkeit seines Genies glaubt. Und in der Tat blitzt oft ein recht eigenartiges Talent in ihm auf.

Als diese Zeilen geschrieben wurden, hatte Modest Mussorgski (1839 - 1881) das wunderbar feinfühlige Vorspiel zur Oper Chowantchina noch nicht komponiert, welches Tschaikovskis Urteil gründlich Lügen straft. Heute bewundert man Mussorgski dafür, dass er kompromisslos neue Wege beschritt und wahrhaft faszinierende Werke schuf. Im Alter von nur 42 Jahren starb er an den Folgen seiner Alkoholsucht.

Mussorgski: Vorspiel zu Chowantchina (Morgendämmerung an der Moskwa)

Balakirev ist die bedeutendste Persönlichkeit des Zirkels. Er ist aber verstummt, ohne viel getan zu haben. Er besitzt ein außerordentliches Talent, welches aber durch verschiedene fatale Umstände erstickt worden ist. Nachdem er seinen Unglauben sehr zur Schau getragen hatte, ist er plötzlich ganz devot geworden. Er sitzt stets in Kirchen, fastet, betet allerlei Reliquien an - und tut sonst gar nichts. Trotz seiner außergewöhnlichen Begabung hat er viel Böses gestiftet; er war es, zum Beispiel, der die jungen Jahre Korssakows umgebracht, indem er ihm eingeredet hat, dass er nicht zu lernen brauche. Überhaupt ist er der eigentliche Erfinder der Lehren dieses merkwürdigen Zirkels, in welchem so viele unentwickelte oder falsch entwickelte oder vorzeitig zu Grunde gegangene Kräfte vereinigt sind.

Es bestand offensichtlich ein tiefer Graben zwischen Tschaikovski und dem "Mächtigen Häuflein". Interessanterweise sah die Welt auf der anderen Seite nicht viel anders aus, wie der folgende Brief bezeugt:

 

Alexander Borodin an seine Frau, 24.-25. Oktober 1872

Mili [Balakirev] ist uns fremd geworden, er wendet sich immer mehr von unserem Kreis ab. Seine scharfen Bemerkungen über viele, besonders über Modest, haben die Sympathien für ihn merklich abkühlen lassen. Wenn er so weitermacht, wird er eines Tages ganz isoliert sein, und das würde in seiner Situation dem moralischen Tod gleichkommen. Mir, und nicht nur mir, sondern auch den anderen, tut Mili sehr leid, aber was soll man da machen? Seine sonderbare und unerwartete Bekehrung zu einem höchst phantastischen und naiven Pietismus ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass er sich von uns zurückgezogen hat [...]

Cui ist ebenfalls über Milis Apathie empört und über seine Gleichgültigkeit gegen alles, was in unserem Kreis geschieht. Früher hat er sich für alles Neue lebhaft interessiert, und wenn es noch so klein war und erst in den Anfängen steckte. Die Kluft zwischen ihm und uns wird jedenfalls immer tiefer. [...] Die anderen Mitglieder unseres Kreises vertragen sich besser als je zuvor. Besonders Modinka [Mussorgski] und Korssinka [Rimski-Korssakov] haben sich stark entfaltet, seitdem sie in einem Zimmer zusammenwohnen. Ihre musikalischen Qualitäten und Methoden sind einander diametral entgegengesetzt, aber sie scheinen sich gut zu ergänzen. Modest hat das Rezitativ und das Deklamatorische bei Korssinka entwickelt, der seinerseits Modest den Hang zu schwerfälliger Originalität abgewöhnt und alle Schroffheiten seiner Harmonie gemildert hat, seine gekünstelte Instrumentation, seinen Mangel an Logik beim Aufbau musikalischer Formen - mit einem Wort, er hat die Kompositionen Modests unvergleichlich musikalischer gemacht. [...]

Borodin zeichnet das Bild vom "mächtigen Häuflein" in freundlicheren Farben, im Kern aber ganz ähnlich wie Tschaikovski. Hier deutet sich schon an, dass Rimski-Korssakow einige Jahre später den genialen, aber unfertigen Werken von Mussorgski (wie auch denen von Borodin) den Weg in die Konzertsäle und zu ihrem begeisterten Publikum bahnte. So sind diese wichtigen Beiträge zum russischen Konzertrepertoire als Gemeinschaftsleistung entstanden.

Was ist nun aus Mili Balakirev (1837 - 1910) geworden, der sich plötzlich dem Pietismus zuwandte, sich mit seinen Freunden zerstritt und seine Kompositionen unvollendet liegen ließ? Er überwand schließlich seine Sinnkrise, nahm die Kompositionstätigkeit wieder auf und machte sich an die Vollendung seiner Werke. Den Anschluss an die von ihm eingeleitete Entwicklung der nationalrussischen Musik hatte er jedoch verloren. Deshalb konnten seine Werke in den Konzertsälen kaum Fuß fassen, obwohl sie es unbedingt verdient hätten.

Balakirev: Tamara Teil 1Balakirev: Tamara Teil 2